Heimspiel gegen Bayern: Angst 2

Mein erstes HSV-Spiel im eigenen Stadion habe ich 1982 gesehen. Seit dem war ich regelmäßig immer wieder im Volkspark und ich habe dort nie Angst gehabt.

Dieses Wochenende, am Sonnabend während der Halbzeitpause bzw. kurz nah dem Ende der selben, hatte sich dies geändert. Es waren weder gegnerische Fans, noch die eigenen, die ob der prekären Lage in der wir uns befinden, die dies ausgelöst haben, sondern die Polizei der Hansestadt Hamburg, unsere Exekutive.

Man kann über den guten oder schlechten Geschmack eines ACAB-Banners oder meinetwegen auch zweien streiten. Doch wenn sich ein Polizeieinsatzleiter genötigt fühlt auf Grund eines Stückes Stoff mit 4 Buchstaben gleichzeitig in zwei Blöcken, den Stimmungsblöcken mit den bekanntesten Ultra-Gruppierungen des HSV, mehrere Kollegen in voller Kampfmontur auflaufen zulassen, dann ist dieser auf Krawall gebürstet und will Randale provozieren.

Herzlichen Glückwunsch, dies wurde erreicht. Es war bis zu diesem Einsatz eine friedliche Fußballpartie mit Freundschaftsspielcharakter bei dem die Teams mit viel Applaus zum Pausentee begleitet wurden. Doch kurz vor Beginn der zweiten Halbzeit sehe ich mit Verwunderung wie vor 25A ein Trupp Polizisten aufmarschiert und sich dort positioniert. Stirnrunzelnd darüber was dies ausgelöst haben könnte, war doch nichts provokatives oder aggressives aufgefallen, schauten wir in 22C uns an und fragten uns was dort vorgefallen war.

Plötzlich habe ich einen widerwärtig-scharfen, kokelähnlichen Geruch in der Nase, den ich erst als die Ausdünstungen von Pfefferspray wahrnehme, als ich bemerke, das sich vor unserem Block ebenfalls “Freunde und Helfer” mit Helmen aufgereiht haben, die offenbar wahllos Pfefferspray in die ersten Reihen sprühen. Einen Teil von 22C, der unmittelbar an Sitzplätze grenzt, in dem auch zahlreiche Kinder stehen und der sich neben dem Bereich befindet in dem die CFHH ihr Zuhause hat.

PFUI rufe ich euch zu! Über so etwas wie ein ACAB-Banner hat jeder Polizist darüberzustehen. Es hängt in jedem Stadion, an jedem Spieltag und auch bei uns hab ich es schon häufig gesehen ohne das es je ein Problem war. Die Reaktion darauf ist die gleiche, als wenn es jedesmal einen Blocksturm gibt, wenn Gästefans Schmähgesänge anstimmen.

Dieser Einsatz von seiten der Polizei war bar jeder Verhältnismäßigkeit und absolut unnötig. Ich stehe in Reihe 10 und damit gut 15m entfernt vom Ort des Geschehens und hatte trotzdem Würgreiz. Als ich am sonntag morgen aufwachte, hatte ich ebenfalls wieder den scharfen, ekelhaften Geschmack des Pfeffersprays im Mund. Ich sah Leute mit schmerzverzerrten Gesichtern, die sich von Freunden und anderen Fans Wasser über die geröteten Augen kippen ließen.

Insgesamt gab im Rahmen dieser Aktion gut 200 Verletzte auf Seiten der HSV-Anhängerschaft. Darüberhinaus natürlich wieder schlechte Presse, denn es können ja nur die “Chaoten” des HSV gewesen sein, die dies verursacht haben.

Die Reaktion, Prügeleien mit der Polizei im Umlauf, war hausgemacht und sollte von Seiten der Einsatzleitung provoziert werden. Wem es wirklich nur um dieses Banner geht, der wartet ab wer diese nach dem Spiel abnimmt und greift sich dann die entsprechenden Personen.

Um es klar zustellen: ich lehne Gewalt ab und verurteile sie aufs Schärfste, doch ich bin mir nicht sicher, wie ich reagiert hätte, wenn ich als Unbeteiligter plötzlich aus nächste Nähe mit Pfefferspray angegriffen werde. Pfefferspray übrigens, das international geächtet wird und unter die Regeln der Genfer Konvention fällt, im Inneren aber nach wie vor eingesetzt werden darf, sofern man eine Uniform trägt. Privatpersonen dürfen dies nur gegen Tiere anwenden.

Ich musste 40 Jahre alt werden um zum ersten mal mit diesem Geruch konfrontiert zu werden. Ich möchte es nicht noch einmal erleben müssen und erst recht nicht im eigenen Stadion, in dem ich mich IMMER sicher gefühlt habe. Dieses Gefühl wurde mir von der Staatsmacht genommen, die es mir eigentlich geben soll.

Bitte hierzu auch die Stellungnahmen des Supporters Club und der CFHH lesen; insbesondere letztere verdeutlicht die Hintergründe dieser Aktion.

NUR DER HSV!

PS: Es gibt mittlerweile auch eine Stellungnahme der Polizei, deren Wortlaut mal wieder ganz großes Kino ist. Danke an Tanja für den Link.

Ich habe die Absperrung der Talstraße am Sonnabend noch gesehen und mich darüber gewundert. Besonders ekelhafter Zynismus sind in diesem Zusammenhang übrigens Busse auf denen “Sonderfahrt” steht.

PPS: Seit gestern abend gibt es auch eine offizielle Stellungnahme des Vorstands des HSV und ein Replik auf diese in Form eines offenen Briefes durch die Chosen Few.

Als jemand der ebenfalls Opfer dieses Polizeieinsatzes wurde, wenn auch nicht in so einem starken Maße wie Leute die in den unteren Reihen des Blocks standen, hinterfrage ich nach wie vor die Entscheidung die Banner von der Polizei entfernen zu lassen. Da die Personen, die diese hochhielten ja offenbar zumindest dem Ordnungsdienst bekannt gewesen sein müssen (so meine Interpretation der Aussagen des Vorstandes) verstehe ich nicht, wieso man diese nicht nach dem Spiel zur Rechenschaft zieht, anstand tausendplus Leute durch einen Polizeieinsatz zu gefährden.

Die CFHH hat sich hier in ihrem Verhalten mit Sicherheit ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert, aber die Aussagen des Vorstandes sind eine Frechheit.

flattr this!

2 thoughts on “Heimspiel gegen Bayern: Angst

  1. Reply Nils Mai 5, 2014 11:05

    Sehr guter und erschütternder Artikel. Wenn es wirklich nur um diese zwei Banner ging – und so war es ja wohl – war das Einschreiten echt vollkommen unverhältnismäßig. Ich hoffe, dass der HSV auch von offizieller Seite was macht.

  2. Reply nedfuller Mai 5, 2014 11:45

    Ich habe nach dem Aufrücken der Polizisten vor Block 25A ein Bier geholt. Hinter dem Block standen auch Polizei in voller Kampfmontur, die ich dann auf meine nette freundliche Art gefragt habe, was denn gerade los sei.

    Die Antwort: “Wir wollten die ACAB Plakate abnehmen”.
    Das war der Grund, warum der Block gestürmt wurde.

    Danke. Was ein Wahnsinn.

Leave a Reply