Heute abend um 18.30 Uhr hat die HSV Fußball AG ihr erstes Pflichtspiel. Da ich seit Fürth nichts mehr über den HSV geschrieben habe und schon seit ein paar Wochen dieser Artikel in meinen Entwürfen liegt, hielt ich dies für einen guten Anklaß ihn endlich mal zu posten:
Ich bin vor kurzem zum wiederholten Male mit einer Aussage konfrontiert worden, die mich ein wenig angesäuert zurückgelassen hat. Sie lautete sinngemäß:
“Ach Fußball ist mir ja relativ egal, aber wenn schon Fußball in Hamburg, dann bei St.Pauli – aus politischen Gründen.”
Vielleicht bin ich überempfindlich und es ist alles gar nicht so dramatisch, wie ich es wahrnehme, aber dies ist meine Plattform und es muß raus: ich bin es leid mich rechtfertigen und erklären zu müssen, nur weil ich HSV-Fan bin.
Ja, es gibt rechte Arschlöcher in der Kurve. Diese Erfahrung habe (nicht nur) ich selber leider machen müssen.
Ja, es gab in der Vergangenheit, vor allem in den 80ern bis in die späten 90er Jahre hinein, ein massives Problem mit Neonazis beim HSV. Insbesondere in Verbindung mit der Hooligan-Szene.
Ja, es gab unsägliche “Sieg!”-Rufe gefolgt von “Heil”; Affenlaute gegen dunkelhäutige Spieler und ekelhafte Schmierereien in Stadionnähe nach der Verpflichtung Anthony Yeboahs.
Ja, es gab und gibt leider immer noch lobotomierte Schwachköpfe, die Überfälle auf Fans oder Lokale des Stadtteilvereins für ein probates Ausleben von Rivalität halten.
Jeder einzelne von denen ist zu viel und gehört mit grenzenloser Verachtung bestraft.
Aber diese Leute sind eine Minderheit. Auch wenn ich, ähnlich wie Tanja, die Gefahr sehe, dass sie sich eventuell wieder mehr Gehör verschaffen könnten, wenn die Chosen Few fernbleiben (zu schnell haben sich die Löwen wieder breit gemacht, als ein Großteil von 22C nach dem Polizeieinsatz beim Gastpiel des FCB nicht in den Block zurückehrte); so ist die grundsätzliche Stimmung und Besuchervielfalt eine andere seit dem Bau der Arena.
Auch beim HSV wurde und wird sich stark und eindeutig gegen Rechts positioniert; das Tragen von sogenannter szene-typischer Kleidung (deren Namen ich hier nicht nennen will um keine Werbung zu machen) ist per Stadionordnung verboten.
Auch beim HSV wird gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik protestiert (“Refugees welcome”).
Auch beim HSV gibt es Punks, farbige und ausländische Fans aus aller Herren Länder.
Auch beim HSV ist die Kurve bunt.
Dafür das es so ist und das es so bleibt setzt sich insbesondere das HSV-Fanprojekt ein.
Aber dies findet in der öffentlichen Wahrnehmung nicht statt. Der HSV und seine Fans werden, so habe ich den Eindruck, immer noch über die handvoll Schwachmaten definiert, die durch Gewalt auffallen, egal was in der Kurve oder sonst so passiert.
Es wird immer darüber gesprochen, wie anders und links und toll doch der Verein von der U-Bahnstation St.Pauli ist. Dort ist man ja so kreativ und feuert nur die eigene Mannschaft an, Anti-Support (so höre ich immer wieder) findet dort ja nicht statt.
Beim Regionalliga-Derby im Stadtteil sind von der Süd mehrfach Schmähgesänge gegen den Gegner angestimmt worden. Das ist kein jammern, das ist ein Fakt. Und es gehört zum Spiel dazu. Passt aber nicht in das Bild, das von diesem Verein immer vermittelt wird.
Wenn ich durch die Stadt gehe, ist diese gepflastert mit abertausenden von Aufklebern jeder Art. Von uns und vom Stadtteil. Seltsamerweise (und ich weiß nicht, ob meine Wahrnehmung hier trübt, ich habe aber auch von neutralen Beobachtern auf Nachfragen ähnliches vernommen) sehe ich erstaunlich viele Anti-HSV-Aufkleber der verschiedensten Art vom Stadtteilrivalen.
Da sind zugegebenermaßen einige dabei, über die ich sehr lachen muß (“All burn some, some burn all”; “Die hässlichen Fratzen des Fussballs”), aber dennoch erstaunt es mich, wie viel kreative Energie hier verwendet wird, um Abneigung gegen den Rivalen mit der Raute sichtbar zu machen.
Kleben und überkleben von Stickern gehört auch mit zum Spiel, aber zum endgültigen Beenden gibt es dann ja die Geheimwaffe der Stadtteiler: einfach “St.Pauli-Fans gegen Rechts” verkleben. Diese empfinde ich als besonders perfide.
Erstens impliziert es, dass der HSV und seine Fans rechts sind.
Zweitens würde das weitere Überkleben oder Entfernen dieser Sticker genau das bestätigen. Rummms, hat man “gewonnen”.
Komischerweise sehe ich übrigens nie HSV-Aufkleber, in denen Antipathie für den Stadtteil kundgetan wird. Es gab in den oben erwähnten 80er bis 90er Jahren unsägliche “Deutsche wehrt euch – geht nicht zu St.Pauli”-Aufkleber, doch die habe ich seit dem auch nicht mehr gesehen. Es ist auch ganz einfach zu beantworten, warum es keine gegen den Verein vom Kiez gibt: Anti-Aufkleber von uns beschäftigen sich eher mit den Weseranern und selbst von denen sehe ich kaum welche.
Die Ursachen dafür dürften auch klar sein: wenn man keine regelmäßigen Punkt- oder Pokalspiele gegeneinander austrägt, gibt es auch keine wirkliche Rivalität; diese wird dann nur noch in der Regionalliga ausgelebt, aber dort wird sie auch kaum wahrgenommen.
Wie eingangs geschrieben: vielleicht bin ich überempfindlich und es ist alles gar nicht so dramatisch wie ich es wahrnehme. Doch es brannte mir auf der Seele und ich kenne Leute denen es ähnlich geht.
Wie sehen andere HSVer das?
Wie sehen das die Nicht-HSVer, speziell die aus dem Stadtteil?
Meinungen und Kommentare zum Thema sind ausdrücklich erwünscht.

Moin,
Puh, ich finde Du ziehst Dich da ein bisschen in die Mimimikeinermaguns-Ecke zurück um dann rumzumeutern. Ich würde da doch deutlich mehr differenzieren.
Als “Stadtteil-Fan” kenn ich ja naturgemäß eher die andere Perspektive, aber die wolltest Du ja hören.
1. Es wird und wurde durchaus wahrgenommen – und teils auch mit viel Respekt beobachtet – was sich politisch positives bei Euch tut und getan hat (mir persönlich fällt da vor allem der Support in der Refugees-Frage ein). Es ist vielen aus “unserem” Lager auch bekannt und bewusst dass der Idiotenanteil bei Euch deutlich anders ist, als in den 80ern.
(genauso, wie viele bei uns wissen, wie viele Idioten bei uns im Stadion stehen).
Das ist schön und erfreulich, aber “mein Verein” werdet Ihr damit trotzdem nicht.
Dass “die Presse” seit Jahren vom “Freudenhaus der Liga” und den “lustigen Party-Paulis” schreibt ist übrigens alles, aber nix, was “wir” uns so wünschen. Aber Klischees ziehen halt.
2. Trotzdem – persönliche Erfahrung – gibt es da eben diese Erfahrungen und Begegnungen mit den Klischeebratzen (eher nicht so bunt im Kopp) aus Eurem Lager. Und NATÜRLICH nehme ich die anders wahr, als die Begegnungen mit den Bratzen aus unserem Lager. Schlicht weil unsere Bratzen mir zwar auf den Eimer gehen, aber die sich in der Regel nicht wegen meiner Fanklamotten oder Vereinswahl in geifernde Aggressionen steigern.
Großer Spaß dann besonders, wenn man wie ich neulich in der U-Bahn sitzt, gegenüber einer der Kandidaten “bunt ist das neue scheiße” mit ‘nem FCK STP-Shirt, der die ganze Zeit seinen Kumpel volltextet, wie geil es sei “Paulis zu hauen” und “das mit der U-Haft, Digger, das war voll okay”.
Was hab ich mich wohlgefühlt. Und das passiert immer mal wieder. Im Alltag. Nicht an Spieltagen.
3. Stichwort Fanklamotten: Anti-FCSP-Aufkleber sehe ich auch weniger als Anti-HSV-Aufkleber. Dafür gibt es subjektiv deutlich mehr Anti-FCSP-Klamotten bei Euch, als umgekehrt (mir fallen im Moment genau gar keine in Eure Richtung ein). Siehe oben: FCK STP, Kein Retter, Scheiß St. Pauli. Und Deutsche Wehrt Euch Shirts sehe ich auch ab und an noch.
Ich denke: Insgesamt achtet man jeweils mehr drauf. Weil es einen eben irgendwie “angreift”. Und daher nimmt man es vielleicht auch mehr wahr, wenn es sich gegen den eigenen Verein richtet.
4. Ich denke schon, dass die Wahrnehmung der Rivalität sich unterscheidet. Na klar. Wir sind nunmal “der Kleine”, und damit ist das glaube ich für viele aus unserem Lager was anderes, als für viele aus Eurem Lager. Inkl. “Abarbeiten” an Euch in irgendwelchen Liedern.
Wobei die Reaktionen auf das letzte Profiderby ja schon nahelegten, dass das Euch ziemlich nahe ging. Also so ganz unwesentlich ist das dann eben doch nicht.
5. Und noch was hinterhergeschobenes: Ihr habt – gerade letzte Saison – einfach auch unfassbar viel Popcorn-Material geliefert. Und ich fand es schon sehr… possierlich(?) dabei zuzusehen. Wo Du es komisch findest, dass “wir” Anti-HSV-Aufkleber haben, habe ich mich halt totgelacht, wie schlimm für Euch ein möglicher Abstieg gewesen wäre. Und das hat mir dann eben auch gezeigt, dass sich einige bei “Euch” primär über dieses Dino-Ding definieren, was ich so gar nicht nachvollziehen kann.
Und es wirkte eben teils so wie “das ist das einzige, was wir noch haben”.
Grüße
C.
Also ich kann größtenteils nur über die Situation in Kiel und Umland berichten, aber da kommt es mir so vor, dass sich der Gedanke stark breit gemacht hat, als St. Pauli ihr Aufstiegsjahr hatten. Diese Phase wo ganz Deutschland gefühlt plötzlich mit dem Totenkopf auf dem Pulli und T-Shirt rumgelaufen ist. Grade bei den jüngeren (u23) fällt es mir auf, dass viele den Eindruck haben, dass der HSV eher rechte Fans hat, da St. Pauli ja linksorientierte Fans hat. Das ist halt ein großer Irrglaube, der sich durch die Rivalität breitgemacht hat, bei Leuten die sich nicht näher mit dem HSV beschäftigen. Klar gibt es ein paar rechte Idioten, die gibt es aber sogut wie überall und sind zum Glück eher die Minderheit.
Wie gesagt ich denke durch die Rivalität entsteht der Eindruck, dass einer der HSV mehr rechte Fans hat, da Pauli ja sogut wie nur linke Fans hat. Bei St. Pauli kommt ja noch hinzu, dass sie wie kein zweiter Verein ihre Einstellung nach draußen tragen. Banner,Fahnen,Sticker und was es sonst noch alles gibt. Überall ist zu sehen das St. Pauli gegen rechts ist. Beim HSV wird es halt nicht so extrem betrieben, weswegen die Warhnehmung eventuell eine andere ist. Das mit dem Stickervergleich war schon ein gutes Beispiel dafür. Das ist halt quasi der Totschlag-Argument-Sticker. Der bleibt da halt kleben und wenn drunter ein HSV Aufkleber ist, erweckt es bei dem ein oder anderen auch wieder den Eindruck, der Sticker vom HSV wäre mit einer rechten Botschaft oder ähnliches.
Ich denke nicht, dass es überempfindlich ist sich über so etwas Gedanken zu machen. Ich finde es sogar sehr gut. Es mögen vielleicht nur vereinzelt Leute sein die so denken, aber diese tragen es halt weiter. So entstehen falsche Eindrücke womit andere wiederrum zu kämpfen haben. Niemand sollte sich in seinen Bekanntenkreis irgendwie dafür rechtfertigen müssen, dass er HSV Fan ist, nur weil es Leute gibt die den Eindruck haben der HSV hätte ein großes Problem mit Rechten.
Schön.
Also die Diskussion die hier gerade entsteht.
Jungs, kommt mal runter. Es ist Fußball. Und sonst nichts.
Wenn man das alles immer weiter künstlich erhöht, tut ihr genau das, was ihr angeblich nicht wollt: Ihr entfernt euch vom Fußball.
Wie sagte Herberger?
Was zählt ist auf dem Platz.
Und da ist die Nummer dann auch richtig und gut aufgehoben.
Ich finde auch, dass es gut tut, wenn man gegen einen “Gegner” spielt, den man “ernster nehmen” will, weil Derby und so. Dafür gibt es dieses Derbys. Und zum Abkühlen kommen dann Hoffenheim, Wolfsburg und beim FCSTP eben Aalen und Sandhausen in die Stadien.
Die Mischung aus beiderlei Spielen macht es.
Aber sich wegen Fußball ernsthaft in die Haare zu bekommen, ist fast so dämlich, wie sich wegen des Glaubens gegenseitig umzubringen.
Nein, keine der beiden Seiten hat ein Alleinstellungsmerkmal. Keine der beiden Seiten ist die 100%ig bessere.
Das gilt übrigens im Fußball wie im “Krieg”.
Es ist eher eine Frage des Glaubens, der eigenen Erlebnisse und des eigenen Geschmacks. Und der ist, genau wie das Leben, zum Glück sehr individuell.
Und ja, man darf den anderen doof finden. Und ja, man darf sich bashen und besonders über Siege gegen den Anderen freuen. Nein, man muss es, denn sonst würden Derbys ja keinen Sinn machen.
Aber weder Gewalt, noch irgendwelche (politischen, menschenverachtenden etc) Beleidigungen sind auch nur ansatzweise durch “Wir sind besser als ihr” gerechtfertigt.
Jede/-r macht das was sie/er meint zu machen und jede/-r macht es hfftl. so gut wie sie/er kann. Und alle haben sich dafür Respekt verdient.
Wenn es im Fußball aber nur noch um Häme und Diffamierungen gehen soll, dann ist das nicht mehr meins. Dann ist das Mist und hat mit Sport oder gar Sportgeist nichts mehr zu tun.
Und ja, in jeder Ecke sitzen in jedem Stadion immer ein paar Volldeppen. Mal mehr (quantitaiv), mal weniger, aber Deppen. Und denen sollten wir keinerlei Spielraum geben sich zu produzieren.
Rechte Aufkleber gehören abgerissen. Und wer meint alle Linken sein beim FCSTP daheim, irrt sich genauso, wie in der Meinung, dass es die rechten Vollidioten nur im Volkspark gäbe.
Und eines ist auch klar: Je mehr ihr daraus macht, desto mehr verhärten sich die Fronten und desto weniger gehen die Menschen aufeinander zu. Und desto mehr drivten die Meinungen auseinander. Und am Ende weiß kaum einer noch warum.
Ja, ich kann alle verstehen, die sich einen Abstieg des HSV gewünscht haben. und seien wir ehrlich: Der Verein hat auch (fast) alles dafür getan es euch allen diesen gefallen zu tun. Am Ende haben es ein paar vierblättrige Kleeblätter nicht zu Ende gebracht. Und so sind wir auch dieses Jahr da, wo wir sind. In der 1ten Liga.
Und wer weiß, vielleicht schafft ihr es ja bald mal wieder für ein (wahrscheinlich kurzes) Gastspiel in die erste Liga. ich fände das sehr cool, denn Hamburg kann ein Derby ab. Ein echtes.
Und jetzt seht zu, dass ihr gemeinsam den gewaltbereiten und anderen Idioten die Stirn bietet, die es immer noch zu oft in den Stadien auf allen Seiten der Kurven gibt.
Als St.Pauli Fan gebe ich dir grundsätzlich Recht. Ich habe gute Freunde, die HSV-Fans sind und ganz klar Position beziehen, wenn es um Rassismus etc. Rivalität gibt es für mich auch. Sie spielt für mich als nicht-Hamburger aber eine eher untergeordnete Rolle. Aufkleber, Klamotten, Schmähgesänge? Was solls? Ich nehme das nicht so ernst, solange es nicht völlig unter die Gürtellinie geht bzw. zur Gewalt aufruft, rassistisch ist etc. Das meiste finde ich witzig und vieles originell. Vom HSV finde ich den Krumelmonster-Aufkleber (Braum-weiße Kekse vernasche ich oder so) am besten. Mal ehrlich ein bisschen sticheln und abspacken darf sein. Humor und “über such selbst lachen können” hilft da ungemein. Verbissen Rivalen beider Seiten gehen mir auf die Nerven. Ein Kumpel brachte es kürzlich auf den Punkt: 90Minuten kann man sich ja alles mögliche an den Kopf werfen (im übertragenden Sinne) aber dann muss auch gut sein.
In diesem Sinne
Jonny Jonas
Aber, aber lieber Tim… Du kannst dich doch nicht gegen Trends wehren.
Immerhin steht dir der politischste Verein der Welt gegenüber. Da geht man nur mit einer bestimmten Einstellung zum großen Ganzen hin.. Also mal locker durchatmen und die Fans ignorieren.
…
Ich mußte mich in den 90ern als Nazi beschimpfen lassen, weil ich HSV Fan bin. Und ich will gar nicht erzählen, was ich mir in Blogs anhören mußte, als ich die noch kommentiert und gelesen habe…
Nuff said
Auch schön, daß keiner auf die Aussage von Tim eingeht, sondern auf den Fußball verweist. Herrlich
Zur Sache mit den Aufklebern „St. Pauli Fans gegen Rechts“. Solche habe ich auch schon in blau mit HSV-Motiv gesehen. Mit so einem Aufkleber „HSV-Fans gegen Rechts“ ganz gezielt nur das „St. Pauli“ überkleben. :-)